Was versteht man unter Konstruktivismus?

Begriff des Konstruktivismus

Grundsätzlich versteht sich der Konstruktivismus als eine Theorie über das Erkennen von Dingen und Sachverhalten. Er ist somit zunächst eine Erkenntnistheorie, die in ihrer weiteren Entwicklung und Interpretation auch auf den Bereich des Lernens übertragen und ausgeweitet wurde.

Die konstruktivistische Position unterscheidet sich stark von traditionellen Sichtweisen, da sie für ein Individuum den aktiven Generierungsprozess bei der Wissensentstehung besondere betont.

Einfach ausgedrückt handelt es sich um eine unkonventionelle Weise, die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten.

Der Radikale Konstruktivismus beruht auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren mag, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann. Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben“ (Galserfeld 23005)

Wahrnehmung

Die eigentliche Wahrnehmung ist somit Ergebnis kognitiver Prozesse in den mit den Sinnesorganen vernetzten Hirnregionen. Da das Gehirn keine fertigen Informationen aufnimmt, müssen Energiereize ständig interpretiert und versanden werden. Somit besteht die wesentliche Leistung des Gehirns darin, die von den Sinnesorganen übertragenen Impulse aus der Außenwelt permanent zu interpretieren.Konstruktivismus und Wahrnehmung

Da der Mensch aus dieser Sicht kein objektives Abbild von der um ihn existierenden Wirklichkeit gewinnen kann, konstruiert er sich seine eigene, subjektive Realität. Dabei entsteht eine Konstruktion davon, wie die Welt zu sein scheint, ohne wirklich zu wissen, wie sie ist. Was Menschen wahrnehmen können, sind immer nur Erfahrungen von den Dingen, nicht die Dinge selbst.

Etwas zu verstehen heißt in diesem Sinne, eine Interpretation aufzubauen, die funktioniert lebensdienlich ist und schlüssig erscheint – somit viabel („Handlungen, Begriffe und begriffliche Operationen sind dann viabel, wenn sie zu den Zwecken oder Beschreibungen passen, für die wir sie benutzen.“, aus Wikipedia) ist. Diese Selbstorganisation eines Individuums folgt dem Prinzip der Funktionalität. Aneignungsprozesse zielen auf Passung oder Viabilität und dürfen bereits vorhandenen Theorien und Konzepten nicht widersprechen.

Konstruktivistischer Unterricht

Für eine Didaktik beruflicher Bildung sind derzeit Vorstellungen eines moderat konstruktivistischen Unterrichts leitend. Eine gemäßigte konstruktivistische Sicht interpretiert Lernen als eine persönliche Konstruktion von Bedeutungen. Diese kann allerdings nur dann gelingen, wenn eine ausreichende Wissensgrundlage vorhanden ist, an die neue Wissensinhalte anknüpfen können. Daraus leitet sich der Begriff des wissensbasierten Konstruktivismus ab. Um eine erforderliche Wissensbasis zu schaffen, kann demnach auf eine instruktionale Anleitung und Unterstützung nicht verzichtet werden.

Der Begriff konstruktivistischer Unterricht entstammt der nordameri-kanischen Pädagogik. Er ist Anfang der 1990er Jahre in der deutschen Pädagogik aufgenommen worden. In der Umsetzung bestehen hohe Ähnlichkeiten zum „handlungsorientierten Unterricht, dem ebenfalls eine konstruktivistische Lernauffassung mit hohen Anteilen an selbstge-steuerten Lernphasen zugrunde liegt.

Merkmale eines konstruktivistischen Unterrichts

  • Inhaltich ist die Realität umstrukturierter Problem zugrunde zu legen, die nicht reduktionistisch vereinfacht sind. Lebens- und berufsnahe, ganzheitlich zu betrachtende Problembereiche bilden „eine komplexe (starke) Lernumgebung“, in der Lernende in multiplen Kontexten und unter multiplen Perspektiven individuelle Erfahrungen gewinnen und in ihr Vorwissen einbauen können.
  • Lernen ist ein aktiver Prozess, der auf individuell vorhandenes Wissen und Können zurückgreift. Neues Wissen entsteht über Konstruktionsprozesse, die auf das eigene Interpretieren und Verstehen neuer Erfahrungen ausgerichtet sind und diese durch anspruchsvolles Denken verarbeiten.
  • Kollektives Lernen führt zur Diskussion individueller Interpretationen, bei der die eigene Sinngebung überwacht wird. Dadurch lassen sich gewonnene Erkenntnisse anders und somit besser strukturieren. Die Lernenden regulieren ihr Lernen und halten es selbst in Gang.
  • Fehler sind bedeutsam. Sie müssen besprochen und korrigiert werden, da Auseinandersetzungen und Fehlerüberlegungen verständnisfördernd wirken und zur besseren Konstruktion von Wissen beitragen.
  • Die Lernbereiche müssen sich an Vorerfahrungen und Interessen der Lernenden ausrichten, da Lerninhalte dann am heraus förderndsten sind, wenn sie sich „auf den realen Erfahrungsschatz“ der Lernende beziehen.
  • Neben kognitiven Aspekte des Lernens sind Gefühle wie Freude und Angst sowie die persönliche Identifikation mit dem Lerngegenstand bedeutsam.
  • Die eigene Wissenskonstruktion richtete sich auf Fortschritte im Lernprozess und nicht vorwiegend auf Lernprodukte. Daher sind herkömmliche Prüfungsverfahren nicht sinnvoll. Geeigneter ist die Selbstevaluation, anhand derer individuelle Lernfortschritte und Verbesserungen der eigenen Lernstrategie beurteilt werden können.

Einschätzung

Die konstruktivistische Lernauffassung liefert viele positive Anregungen zur Gestaltung des Unterrichts. Sie betont individuelle Unterschiede der Lernenden mit den entsprechend erforderlichen Differenzierungs-maßnahmen. Lernkonzepte sind weniger autoritär ausgerichtet und besser zur Vermittlung komplexer Fähigkeiten geeignet, wie z. B. Problemlösungskompetenz, kritisches, vernetztes und ganzheitliches Denken sowie Selbstständigkeit.

Die konstruktivistische Didaktik fordert die Gestaltung von Lehr- und Lernprozessen, alle didaktischen Intentionen daran zu orientieren, dass Lernenden eine aktive und eigenständige Konstruktion von Wissen ermöglicht wird. Gegenüber der traditionellen Annahme die von einem Gleichschritt des Lernens ausgeht, wird hier die Individualisierung des Lernens betont. Kognitive und emotionale Strukturen entwickeln und erproben sich demnach in den Lebens- und Erfahrungswelten von Individuen.

Ein konstruktivistischer Unterricht folgt der Idee eines moderaten bzw. wissensbasierten Konstruktivismus. Ein solcher Unterricht erfordert die lernförderliche Balance zwischen eigenständiger Wissenskonstruktion durch die Lernenden und einen Instruktion durch die Lehrkraft. Gleichzeitig muss ein systematischer Lerner in definierten Wissensdomänen in Wechselwirkung mit einem situationsbezogenen Lernen in realitätsnahe, berufstypischen Aufgabenbereichen stehen.
Quelle: Grundbegriffe der Pädagogik und Didaktik beruflicher Bildung, Franz-Steiner Verlag

Schreibe einen Kommentar